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Eine neue DDR



Nach dem Scheitern der Verhandlungen zwischen dem Abgeordneten Gerhard Schulze-Schaumburg und dem Chef der italienischen Liga Nord, Umberto Bossi, über den Tausch der Neuen Bundesländer gegen den italienischen Mezzogiorno - keiner der beiden Unterhändler wollte Neapel haben - hat german.pages.de erstmals Einzelheiten eines Geheimplans erfahren, der in Berliner politischen Kreisen unter dem Code "Rover" zirkuliert.

Angesichts der schwierigen Lage im Aufbau Ost und des sich daraus ergebenden langfristigen Aderlasses für die westdeutsche Wirtschaft gewinnt das Argument zusehends Anhänger, dass ein Ende mit Schrecken besser sei als ein Schrecken ohne Ende.

In Wirtschaftskreisen besann man sich auf die positiven Erfahrungen, die der Automobilproduzent BMW mit der Veräusserung seines verlustbringenden Engagements bei der englischen Autofabrik Rover machte. Nach kurzem, aber heftigem, Trennungsschmerz kehrte BMW stärker denn je zuvor in die Gewinnzone zurück, so dass das Rover-Abenteuer schon jetzt als vergessen und vergeben angesehen werden kann.

Die Schlussfolgerungen für die gesamtdeutsche Problematik sind simpel und einleuchtend, heisst es in Wirtschaftskreisen. Da die westdeutsche und die ostdeutsche Wirtschaft und Sozialstruktur nicht zusammenpassen wäre es besser, beide zu trennen und auf separaten Pfaden weiter zu entwickeln. Man verweist darauf, dass Rover nach der Trennung von BMW ja keineswegs untergegangen ist, sondern inzwischen Investitionen in neue Modelle plant.

In ähnlicher Weise könnte sich eine neu konstituierte, freie und demokratische DDR entwickeln, sobald sie von westdeutscher Bevormundung befreit sei. Im Vergleich zu den zehn neuen EU-Mitgliedstaaten verfügt die neue DDR ja über die modernste Infrastruktur, dank der knapp anderthalb Jahrzehnte des Aufbaus Ost.

Zunächst reagierten Berliner Regierungskreise mit Empörung auf diese Idee. Niemand werde zustimmen, dass Deutschland erneut geteilt wird, hiess es. Der Verlust der Neuen Länder würde das internationale Ansehen Deutschlands irreparabel schädigen und in anderen geteilten Staaten, etwa Korea, mit Unverständnis aufgenommen werden. Einige Politiker befürchteten eine blitzartigen Abwanderung der mobileren Teile der ostdeutschen Restbevölkerung in den Westen, mit der sich daraus ergebenden Entvölkerung und Verarmung der DDR.

Dank der aufrüttelnd schlechten Bilanz des Aufbaus Ost, die unlängst von einer hochkarätigen Regierungskommission gezogen wurde, ist nun die Diskussion von mehr Nüchternheit gekennzeichnet. Deutschland werde ja nicht endgültig wieder getrennt, denn beide Teilstaaten blieben ja durch das Schengener Abkommen verbunden, heisst es. Es gäbe daher keine neue, gläserne Mauer, von der Kritiker sprachen, sondern eine offene Grenze wie in der EU üblich. Berlin erhielte zwei statt einer Regierung, zwei Parlamente, und möglicherweise zwei Währungen, falls sich die neue DDR entschlösse, die prestigereiche alte D-Mark anstelle des Euro wieder einzuführen.

Dennoch sind sich Wirtschaft und Regierungskreise klar darüber, dass es mit einer simplen Trennung nicht getan ist. Es muss den Bewohnern der Neuen Länder ein Anreiz geboten werden, für die Wiedererrichtung der DDR unter einem neuen Namen zu stimmen. Ebenso müssen die in den vergangenen Jahren nach Westdeutschland Abgewanderten die Rückkehr in die alte Heimat attraktiv finden, denn viele von ihnen wären für einen autonomen Aufbau Ost unentbehrlich.

Man ist sich einig, dass die neue DDR mehr als nur Ostalgie-Enthusiasmus für ihre weitere Entwicklung brauchen wird. Fachleute mehrerer Forschungsinstitute haben ermittelt, dass für den Aufbau der neuen DDR und ihre künftige gesunde Entwicklung Zuschüsse in ungefährer Höhe der bisherigen Ausgaben für den Aufbau Ost erforderlich sein werden. So wie BMW seinerzeit den Käufern der Firma Rover finanziell half, erwartet man von der westdeutschen Regierung, dass sie die neue DDR über zehn Jahre verteilt mit einer Subvention von mindestens 1000 Milliarden Euro unterstützen müsste.

Die enorme Höhe dieser Subvention bedeutet zwar, dass die westdeutsche Wirtschaft ein weiteres Jahrzehnt wenig oder garnicht wachsen wird, glaubt man in Berlin. Danach aber werde sich die aufgestaute Dynamik Bahn brechen und Westdeutschland wieder in die führende Gruppe europäischer Staaten katapultieren.

Optimistisch ist man auch hinsichtlich der Entwicklungschancen der neuen DDR. Kenner der Neuen Länder weisen darauf hin, dass ostdeutsche Jugendliche in der Regel motivierter als ihre westdeutschen Altersgenossen sind, dass sie intensiver lernen, flexibler sind und mit ihren Ergebnissen besser abschneiden. Gelänge es, diese Jugend in einen neuen Aufbau Ost einzubinden, so sei ein erfolgreicher Aufholprozess im Vergleich zu Westdeutschland durchaus denkbar.

Vielleicht fände dann die nächste Wiedervereinigung zu ostdeutschen Bedingungen statt, meinen sogar einige Optimisten.

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—— Benedikt Brenner